Das Projekt - Interview BM Pfeifer

Wann haben Sie sich das erste mal mit dem Thema "Nahwärme" beruflich auseinandergesetzt?

Es dürfte so im Jahr 2006 gewesen sein, als das Umweltministerium Baden-Württemberg zur kommunalen Auftaktveranstaltung
von Bioenergiedörfern nach Stuttgart eingeladen hatte.
Neben vielen Projekten, auch aus Österreich, wurde das erste Bioenergiedorf Mauenheim durch den Geschäftsführer
Herrn Bene Müller vorgestellt. Im ersten Bioenergiedorf in Baden-Württemberg  legten mit dem Bau einer Biogasanlage zwei Mauenheimer Landwirte den Grundstein zum Bioenergiedorf. Erstmals kam dort die Idee auf, die Abwärme für den Warmwasser- und Heizbedarf im Ort zu nutzen.
Die mit Biogas betriebenen Blockheizkraftwerke (BHKWs) liefern den Grundwärmebedarf.
Mittel- und Spitzenlast erzeugt ein Holzhackschnitzel-Kessel, der mit Hackschnitzeln aus der Region beschickt wird.
Über ein 4 km langes Nahwärmenetz gelangt die Wärme zu den Kunden.
Heute stammen rund 90% der benötigten Wärme aus heimischen erneuerbaren  Energien.


Was hat Sie dazu bewogen, dass Sie dieses Thema für die Gemeinde Glatten aufgegriffen haben?

Diese Auftaktveranstaltung ließ mich damals gedanklich nicht wieder los. Wirtschaftlich betrachtet war die Gemeinde Glatten zu Beginn meiner ersten Amtsperiode im Jahr 2003 im Vergleich mit den Kreiskommunen eher im unteren Drittel anzusiedeln. Der Boom der beiden Global Player Fa. L'Orange und Fa. J. Schmalz GmbH sollte sich erst noch einstellen. Mein erstes Amtsjahr war von dem ersten roten Gemeindehaushalt in ihrer Geschichte aufgrund der Wirtschaftskrise Anfang der 2000 er Jahre geprägt.
Die Gemeinde selbst hatte Investitionsrückstau, vor allem im Bereich der Stadtsanierung und der Dorfsanierung. Die Ortslage Glatten war 2003 in das Landessanierungsprogramm aufgenommen worden. Doch die beiden Teilorte Böffingen und Neuneck litten vor allem durch den Wandel in der Landwirtschaft unter Leerstand und Bevölkerungsrückgang.
So erschien mir der Lösungsansatz von Mauenheim zur Schaffung einer regionalen Wertschöpfungskette aus eigenen Bürgerreihen für einen für alle Bürger notwendigen Allgemeinbedarf (Wärme und Strom) als extrem spannenden Lösungsansatz, um in einer ländlich geprägten Gemeinde wirtschaftliche Stabilität erzeugen zu können und der niedergehenden Landwirtschaft ein zweites Standbein zur Existenzsicherung zu verschaffen.
Themen wie Energiewende, Klimaschutz oder Offenhaltung der Landschaft waren damals noch eher von weit untergeordneter politischen Bedeutung.
Ich besuchte Herrn Bene Müller in Mauenheim und aus einem Interesse entflammte in mir eine Leidenschaft.


Wie ging es dann weiter in Glatten?

Es folgten Besuche mit Gemeinderat und Mitarbeitern in Mauenheim. Ich ging weiterhin auf Fachtagungen zu diesem Thema und verbesserte meinen Kenntnisstand, dabei lernte ich Herrn Rolf Pfeifer von der Endura kommunal aus Freiburg kennen.
Herr Pfeifer war ein Überzeugungstäter, der begeistern konnte.
Vom Gemeinderat bekam ich die Freiheit für meinen "beruflichen Spleen" etwas Geld in die Hand nehmen zu dürfen. So wurde 2013 die endura kommunal beauftragt, in den Ortsteilen Böffingen und Neuneck ein energetisches Quartierskonzept durchzuführen. Zuschüsse gab es damals noch nicht und der Gemeinderat gab die Planungskosten frei, wofür ich bis heute sehr dankbar bin.
Leider erbrachte die Studie die Erkenntnis, dass eine wirtschaftliche Realisierung in den Teilorten aufgrund der Struktur nicht möglich sein wird.
Auf Begeisterung erfolgte nüchterne Erkenntnis mit einhergehender Enttäuschung.


Dennoch wurde dann im Jahr 2018 das energetische Quartierskonzept im Ortsteil Glatten durch die endura kommunal durchgeführt? Woher kam dieser Sinneswandel?

Es ist  absolut zutreffend, wenn Sie hier von einem Sinneswandel sprechen!  Bewegungen wie "Fridays for future", Energiewende, Klimawandel, etc. sind mittlerweile politischer Alltag. Änderungen der Rechtslage und steigende Energiepreise treffen den Bürger ganz persönlich und direkt im eigenen Geldbeutel, so dass das Thema "Nahwärmeversorgung" aus meiner Sicht unbedingt neu gedacht und vielleicht auch neu erfunden werden muss! Zahlreiche Förderprogramme unterstützen die Aktivitäten.

Wie geht es jetzt weiter?

Nachdem das energetische Quartierskonzept im Dezember 2019 das Ergebnis gebracht hat, dass der Bau einer Nahwärmeversorgung für den Ortsteil Glatten realistisch sein kann, hat der Gemeinderat den Auftrag eines Sanierungsmanagement für die Gemeinde an das Beratungsbüro endura kommunal erteilt. Aufgabe des Sanierungsmanagement ist es, dass wir bis Ende des Jahres 2020 verbindlich
wissen, was uns ein Nahwärmenetz (1 Bauabschnitt) kostet, wer im Bereich an den ersten Bauabschnitt verbindlich anschließen wird und zu welchen Konditionen.


Wie beurteilen Sie den Einfluss durch die Corona-Krise auf das engagierte Projekt?

Ich möchte hier nicht schwarz malen oder so tun, als ob ich die Zukunft sehen kann.
Die Gemeinde wird auf jeden Fall das beauftragte Sanierungsmanagement vorantreiben bis feststeht, ob ein Nahwärmenetz gebaut werden kann.
Aktuell warten wir noch auf den Zuschussbescheid aus Berlin.

Was für mich aber definitiv klar ist, ohne die Gründung einer Bürgerenergiegenossenschaft halte ich das Projekt für nicht realisierungsfähig und vor allem für nicht zukunftsfähig.
Der Bürger muss bei diesem Thema die alleinige Entscheidungsgewalt haben und sollte sich aus meiner Betrachtung nicht in staatliche oder behördliche Abhängigkeit begeben.
Ich freue mich aus tiefstem Herzen über die Aktivitäten der Herren Tobias Birk, Holger Krause und Stefan Kopf. Sie sind für mich die Pioniere des 21 Jhdt. aus Glatten.

Ob die Gemeinde wirtschaftlich in der Lage sein wird, um investieren zu können, erscheint mir in Anbetracht dessen, dass wir im Jahr 2020 den zweiten roten Haushaltsplan in der Geschichte der Gemeinde verabschieden, eher fragwürdig. Aber ich bin überzeugt, dass die Gemeinde alle Unterstützung geben wird, welche sie erbringen kann.
Gerne erwähne ich ein geschichtliches Ereignis aus unserer Gemeinde in diesem Zusammenhang:
Im Jahre 1904 an Ostern haben sich Bürger im Gasthaus Schwanen in Glatten getroffen und beschlossen, gemeinsam elektrischen Strom zu erzeugen.
An Weihnachten des Jahres 1904 brannten in Böffingen die ersten Straßenlampen im Landkreis Freudenstadt, daraus entstand die Überlandzentrale Glatten.

Diesen Erfolg wünsche ich mir für unser Enegienetz Glatten (eG) in Gründung. Die Weiler Wärme hat es uns vorgemacht!

Glatten im April 2020

Diese Webseite entsteht gerade...
Sie ist weder vollständig, noch ist der Inhalt rechtsverbindlich!

Kontaktieren Sie uns

...in allen Fragen und Anregungen

So erreichen Sie uns

Haben Sie Fragen oder möchten Sie Teil unserer Interessengemeinschaft werden und sich ggf. anschließen lassen?
Nutzen Sie unser Kontaktformular links oder rufen Sie uns an:

Tel.-Nr:

017x xxxxxxx

Mo. - Do.
8.00 - 18.00 Uhr

Fr.

8.00 - 12.00 Uhr

  • w-facebook
  • Twitter Clean
Besucher

​© 2020 Gemeinde Glatten